„Jetzt ziehe ich wirklich durch.“
Wie oft habe ich diesen Satz früher zu mir selbst gesagt? Wahrscheinlich öfter, als ich zählen kann. Montag sollte immer der Tag sein, an dem alles anders wird. Weniger essen, mehr Disziplin, keine Schokolade mehr, am besten kaum noch Kohlenhydrate, Kalorien zählen, Sport bis zur völligen Erschöpfung und diesmal bloß kein Rückfall mehr.
Und vielleicht kennst du genau diese Gedanken auch.
Denn gerade Frauen mit Lipödem haben oft schon unzählige Diäten hinter sich. Low Carb, Intervallfasten, Shakes, Punkte zählen, FDH oder irgendwelche radikalen Programme aus dem Internet. Immer verbunden mit der Hoffnung, endlich abzunehmen, endlich „normal“ zu sein und sich endlich wieder wohl im eigenen Körper zu fühlen.
Aber was passiert bei den meisten Frauen irgendwann?
Der Druck wird immer größer. Die Gedanken kreisen nur noch ums Essen. Die Angst zuzunehmen wird riesig und das schlechte Gewissen begleitet plötzlich jeden einzelnen Bissen. Viele Frauen verlieren dadurch irgendwann komplett das Gefühl dafür, was Hunger, Sättigung oder Genuss überhaupt noch bedeuten.
Und genau an diesem Punkt beginnt häufig ein Teufelskreis, aus dem viele alleine kaum noch herausfinden.
Der ewige Kreislauf aus Hoffnung und Frust
Ich glaube, dass ganz viele Frauen mit Lipödem jahrelang in einem ständigen Kreislauf feststecken. Man startet motiviert in die nächste Diät, nimmt sich vor diesmal wirklich alles perfekt zu machen und hält eine Zeit lang auch tatsächlich durch. Vielleicht geht die Waage am Anfang sogar nach unten und man bekommt endlich wieder Hoffnung.
Doch gleichzeitig beginnt innerlich oft genau dort schon der Stress.
Plötzlich gibt es nur noch „erlaubte“ und „verbotene“ Lebensmittel. Essen wird kontrolliert, bewertet und ständig hinterfragt. Viele Frauen haben irgendwann Angst vor Einladungen, Restaurantbesuchen oder Familienfeiern, weil sich alles nur noch darum dreht, bloß nichts falsch zu machen.
Und irgendwann kommt dann dieser eine Moment, den wahrscheinlich viele kennen:
Stress auf der Arbeit, Streit, Überforderung, Einsamkeit oder einfach nur völlige emotionale Erschöpfung.
Und plötzlich eskaliert alles. Und nein, das hat nichts mit Willensschwäche zu tun und auch nichts mit Disziplin. Dein Körper und deine Psyche können einfach irgendwann nicht mehr, weil du einfach nur noch erschöpft bist.
Viele Frauen essen dann nicht aus Hunger, sondern weil Essen in diesem Moment kurzfristig beruhigt, tröstet oder Gefühle betäubt. Das Problem ist nur, dass direkt danach meistens Schuldgefühle, Scham und Selbsthass folgen. Und nach einer kurzen Erholungsphase wird die nächste Diät gestartet!
Meine eigene Geschichte mit Essanfällen und Selbsthass
Wenn ich heute so offen über dieses Thema spreche, dann deshalb, weil ich selbst genau dort war.
Meine schlimmste Phase war 2012, nachdem mich mein damaliger Freund aus dem Nichts verlassen hatte. Innerhalb von nur zwei Monaten nahm ich 22 Kilo zu und landete irgendwann bei über 110 Kilogramm.
Mir tat alles weh, nicht nur die Beine… Ich nahm so schnell zu, dass meine Haut an sämtlichen Stellen gerissen ist. Meine Oberarme, meine Brust, mein Bauch, meine Hüften, meine Oberschenkel und sogar meine Waden haben “Schwangerschaftsstreifen”.
Aber wenn ich ehrlich bin, begann meine Geschichte mit Diäten und Selbsthass schon viel früher. Eigentlich schon in meiner Pubertät. 20 oder 30 Kilo rauf und runter waren für mich irgendwann völlig normal. Ich war entweder relativ schlank oder wieder massiv übergewichtig. Und egal, wie viel ich abgenommen hatte, meine Beine waren trotzdem immer deutlich kräftiger als der Rest meines Körpers.
Damals wusste ich noch nicht wirklich, was mit meinem Körper los war. Ich dachte einfach nur, dass mit mir irgendetwas nicht stimmt.
Irgendwann wurde Essen für mich nicht mehr einfach nur Essen. Es wurde Trost, Betäubung und ein Weg, Gefühle kurzfristig auszuhalten. Zu meinen schlimmsten Zeiten habe ich von morgens bis abends gegessen und mein gesamter Alltag drehte sich eigentlich nur noch ums Essen, Abnehmen und darum, mich irgendwie emotional über Wasser zu halten.
Ich weiß noch, wie ich eines Abends fünf Pizzen und ein Nudelgericht bestellt hatte und zusätzlich noch einen tiefgefrorenen Käsekuchen gekauft habe, den ich fast komplett gegessen hatte, bevor die Lieferung vom Italiener überhaupt angekommen war.
Heute klingt das völlig absurd und trotzdem war das damals meine Realität.
Das Verrückte war nur: Während ich diese Essanfälle hatte, kreisten meine Gedanken trotzdem die ganze Zeit ums Abnehmen. Um mein Gewicht. Um meinen Körper. Und vor allem um die Frage, warum ich es einfach nicht schaffe „normal“ zu sein.
Ich dachte immer:
„Du musst dich einfach nur wieder zusammenreißen.“
Aber genau DAS ist der Punkt:
So einfach ist es eben nicht.
Warum extreme Diäten gerade bei Lipödem problematisch sein können
Bitte versteh mich nicht falsch: Ernährung spielt bei Lipödem aus meiner Sicht eine unglaublich wichtige Rolle. Allerdings gibt es einen riesigen Unterschied zwischen einer langfristigen Ernährungsumstellung und einem zerstörerischen Diätverhalten.
Viele Frauen mit Lipödem kämpfen ohnehin schon täglich mit Schmerzen, Entzündungen, Wassereinlagerungen, Erschöpfung und emotionalem Stress. Wenn dann zusätzlich permanenter Diätstress dazukommt, entsteht oft ein Zustand, in dem der Körper irgendwann nur noch im Dauerstress funktioniert.
Und genau das unterschätzen viele.
Denn jede Diät bedeutet zunächst einmal Druck. Man versucht ständig alles richtig zu machen, kontrolliert jede Mahlzeit, bewertet Lebensmittel in „gut“ und „schlecht“ und lebt dauerhaft mit der Angst, wieder zuzunehmen.
Dadurch wird Essen irgendwann emotional komplett aufgeladen.
Viele Frauen verlieren dadurch nicht nur das Vertrauen in ihren Körper, sondern auch das Vertrauen in sich selbst. Jeder Rückfall fühlt sich wie persönliches Versagen an und viele denken irgendwann tatsächlich, sie seien einfach zu schwach oder zu undiszipliniert.
Dabei ist häufig genau das Gegenteil der Fall.
Viele Frauen mit Lipödem kämpfen jahrelang mit einer unglaublichen Disziplin. Sie versuchen immer wieder neu anzufangen, verzichten ständig auf Dinge, die sie eigentlich gerne essen und zwingen sich trotz Schmerzen oder Erschöpfung immer weiterzumachen.
Das Problem ist nur:
Dein Körper und deine Psyche lassen sich nicht unbegrenzt kontrollieren.
Und genau deshalb beobachte ich immer wieder, dass extreme Diäten bei Lipödem emotional und körperlich häufig alles noch schlimmer machen.
Viele Frauen kämpfen nicht gegen Essen, sondern gegen sich selbst
Dieser Satz ist für mich heute unglaublich wichtig geworden:
Viele Frauen mit Lipödem führen irgendwann keinen Kampf mehr gegen Lebensmittel, sondern gegen sich selbst.
Denn mit jeder gescheiterten Diät wachsen oft auch die Selbstzweifel. Viele Frauen fühlen sich falsch, undiszipliniert oder schuldig. Manche schämen sich sogar dafür, wie sie aussehen oder wie sehr sie mit Essen kämpfen.
Und genau diese Gedanken machen auf Dauer unglaublich viel kaputt.
Denn wie soll ein gesunder Umgang mit dem eigenen Körper entstehen, wenn man sich selbst permanent ablehnt, kritisiert oder bestrafen möchte?
Ich glaube deshalb inzwischen, dass langfristige Veränderung nicht durch noch mehr Druck entsteht, sondern durch Verständnis. Durch Ehrlichkeit. Und vor allem dadurch, dass wir anfangen, wieder MIT unserem Körper zu arbeiten statt permanent gegen ihn.
Was Frauen mit Lipödem wirklich brauchen
Die meisten Frauen, die zu mir kommen, haben unfassbar viel Wissen über Ernährung. Sie wissen meist genau, welche Lebensmittel gesund wären, welche Entzündungen fördern können und was sie theoretisch tun müssten.
Das Problem ist meistens nicht fehlendes Wissen.
Das Problem ist totale Erschöpfung.
Erschöpfung vom Kämpfen.
Vom Neustarten.
Vom wieder Scheitern.
Von Selbstvorwürfen.
Und irgendwann verlieren viele Frauen dadurch komplett das Vertrauen in sich selbst und ihren Körper.
Deshalb glaube ich inzwischen, dass viele Frauen mit Lipödem gar keine weitere Diät brauchen. Sie brauchen endlich einen Weg, der wirklich zu ihrem Leben passt. Einen Weg ohne extremes Schwarz-Weiß-Denken. Ohne dieses ewige „entweder perfekt oder komplett versagt“.
Es geht nicht darum, nie wieder Schokolade zu essen oder sich alles zu verbieten. Viel wichtiger ist doch die Frage, wie man eine Ernährung findet, die den eigenen Körper unterstützt und gleichzeitig langfristig im Alltag umsetzbar ist.
Genauso wichtig ist Bewegung, die den Körper stärkt und nicht zusätzlich bestraft oder überfordert. Und auch die Psyche spielt eine riesige Rolle, denn emotionales Essen entsteht oft nicht aus Hunger, sondern aus Überforderung, Stress oder emotionalem Schmerz.
Und solange wir diese Themen nicht anschauen, werden wir immer wieder in alte Muster zurückfallen.
Es gibt einen anderen Weg
Wenn du diesen ewigen Kreislauf aus Diäten, Schuldgefühlen und Selbsthass kennst, dann möchte ich dir heute eines sagen:
Du bist nicht schwach.
Du bist nicht undiszipliniert.
Und du bist auch nicht gescheitert.
Vielleicht hast du bisher einfach nur versucht, ein Problem mit Methoden zu lösen, die dich langfristig noch mehr kaputt gemacht haben.
Ich hätte früher niemals gedacht, dass ich irgendwann einmal offen über all diese Dinge sprechen würde. Oder dass ich anderen Frauen dabei helfen darf, ihren eigenen Weg zu finden.
Und trotzdem sitze ich heute hier.
Noch immer mehr als unperfekt, aber dafür eine ganze Ecke ehrlicher als früher, vor allem zu mir selbst und mit der Erfahrung, dass Veränderung auch mit Lipödem sehr wohl möglich ist.
Und vielleicht ist genau das der wichtigste Punkt, den ich dir heute mitgeben möchte:
Du musst nicht perfekt sein, um anfangen zu dürfen, besser für dich zu sorgen.
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