Ketogene Ernährung bei Lipödem: Warum ich kritisch bin

Vielleicht hast du schon einmal gehört, dass eine ketogene Ernährung bei Lipödem helfen kann. Weniger Schmerzen, weniger Wassereinlagerungen, ein stabilerer Blutzuckerspiegel und leichteres Abnehmen – das klingt natürlich erst einmal sehr verlockend. Gerade dann, wenn du mit Lipödem lebst, schon vieles ausprobiert hast und dir endlich spürbare Erleichterung wünschst.

Nach meiner letzten Folge mit Dr. Biber von der Dorow Clinic haben mir einige Frauen aus der Community geschrieben, dass sie verunsichert sind. In dem Gespräch ging es unter anderem um Ernährung bei Lipödem, ketogene Ernährung und antientzündliche Ernährung.

Und genau an dieser Stelle möchte ich etwas einordnen: Keto ist nicht grundsätzlich falsch. Auch eine antientzündliche Ernährung ist bei Lipödem ein wichtiges Thema. Aber beides miteinander zu verbinden und im Alltag wirklich langfristig umzusetzen, ist für viele Frauen deutlich schwieriger, als es auf den ersten Blick klingt.

Mir ist wichtig, dass du nach diesem Beitrag nicht denkst: „Jetzt muss ich auch noch Keto machen, sonst mache ich wieder alles falsch.“ Denn genau diesen Druck erleben viele Frauen mit Lipödem bereits seit Jahren. Sie haben Diäten ausprobiert, sich Lebensmittel verboten, Kalorien gezählt, Low Carb gemacht, vielleicht gefastet oder immer wieder versucht, endlich „disziplinierter“ zu sein. Und irgendwann entsteht daraus nicht mehr Gesundheit, sondern Stress.

Die ketogene Ernährung kann bei manchen Frauen mit Lipödem kurzfristig helfen. Aber sie ist nicht automatisch für jede Lipödembetroffene der richtige Weg.

Was bedeutet ketogene Ernährung überhaupt?

Ketogene Ernährung bedeutet, dass du sehr wenige Kohlenhydrate isst, dafür relativ viel Fett und eine angepasste Menge Eiweiß. In der Praxis heißt das meistens: kaum Brot, kaum Nudeln, kaum Reis, kaum Kartoffeln, wenig Obst, keine klassischen Süßigkeiten, keine normalen Brötchen und häufig auch nur sehr wenig Hülsenfrüchte.

Stattdessen stehen oft Lebensmittel wie Eier, Fisch, Fleisch, Käse, Quark, Avocado, Nüsse, Samen, Öle, Salat und kohlenhydratarmes Gemüse auf dem Speiseplan. Ziel ist, dass der Körper in die sogenannte Ketose kommt. Dabei nutzt er weniger Glukose aus Kohlenhydraten und bildet aus Fett sogenannte Ketonkörper.

Das klingt für viele erst einmal spannend. Und ja, es gibt plausible Gründe, warum manche Frauen mit Lipödem unter Keto oder einer sehr kohlenhydratarmen Ernährung kurzfristig Verbesserungen spüren.

Warum Keto bei Lipödem kurzfristig helfen kann

Ich möchte gar nicht abstreiten, dass Keto helfen kann. Es gibt Frauen, die berichten unter ketogener oder sehr kohlenhydratarmer Ernährung von weniger Schmerzen, weniger Spannung in den Beinen, weniger Wassereinlagerungen und einem schnelleren Gewichtsverlust.

Das kann mehrere Gründe haben. Kohlenhydrate binden Wasser im Körper. Wenn du sehr wenig Kohlenhydrate isst, verlierst du gerade am Anfang oft relativ schnell Wasser. Dadurch können sich die Beine leichter anfühlen, was bei Lipödem natürlich erst einmal sehr erleichternd sein kann.

Außerdem kann der Verzicht auf Zucker und stark verarbeitete Kohlenhydrate den Blutzucker stabilisieren. Gerade wenn du mit Heißhunger, Insulinresistenz oder starken Blutzuckerschwankungen zu tun hast, kann eine kohlenhydratreduzierte Ernährung sinnvoll sein.

Es gibt Studien, die sagen, dass Low-Carb- oder ketogene Ansätze bei Lipödem Schmerzen, Gewicht und Umfänge verbessern können. Gleichzeitig wird aber betont, dass die Datenlage noch begrenzt ist und nicht ausreicht, um Keto pauschal als beste Lösung für alle Frauen mit Lipödem zu empfehlen.
Studie: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38627016/

Und genau hier liegt der entscheidende Punkt: Nur weil etwas kurzfristig funktionieren kann, heißt das nicht automatisch, dass es langfristig zu deinem Leben passt.

Mein großes Aber: Was im echten Leben passiert

Was in Studien über einige Wochen funktioniert, muss im Alltag über Monate oder Jahre nicht automatisch funktionieren. Genau das sehe ich in der Praxis immer wieder.

Ich hatte zum Beispiel eine Coachingteilnehmerin, die Keto ausprobiert hat. Nach zehn Tagen hat sie aufgehört. Nicht, weil sie undiszipliniert war. Nicht, weil sie es nicht wollte. Sondern weil es sie mental extrem unter Druck gesetzt hat. Sie war gestresst, gereizt, schlecht gelaunt und hat gemerkt: Das ist nichts, was sie langfristig leben kann.

Und ganz ehrlich: Dann ist es auch nicht der richtige Weg.

Eine andere Teilnehmerin hat es unter der Woche immer sehr streng durchgezogen. Montag bis Freitag: Keto, Kontrolle, Verzicht. Am Wochenende wollte sie dann mit ihrer Familie normal essen, und genau dann ist es regelmäßig eskaliert. Croissant, Brötchen, Marmelade, Süßigkeiten – plötzlich gab es kein Halten mehr.

Das hat nichts mit fehlender Disziplin zu tun. Wenn du dir die ganze Woche alles verbietest, ist es völlig nachvollziehbar, dass dein Körper und dein Kopf irgendwann rebellieren. Genau daraus entsteht häufig dieses typische Alles-oder-nichts-Denken: Entweder ich mache es perfekt oder ich lasse es komplett sein.

Für viele Frauen mit Lipödem ist nicht nur das Lipödem selbst eine Belastung, sondern auch die ganze Diätgeschichte drumherum. Viele haben schon unzählige Ernährungsformen ausprobiert, sind frustriert, misstrauisch gegenüber neuen Programmen und kämpfen zusätzlich mit emotionalem Essen oder Binge Eating.

Gerade dann braucht es keine noch strengeren Regeln. Es braucht realistische, individuelle und langfristige Strategien.

Keto ist nicht automatisch antientzündlich

Ein Punkt ist mir besonders wichtig: Ketogen und antientzündlich werden oft in einen Topf geworfen. Aber das ist zu stark vereinfacht.

Eine ketogene Ernährung kann antientzündlich gestaltet werden. Ja. Aber Keto ist nicht automatisch antientzündlich.

Es macht einen riesigen Unterschied, ob jemand ketogen isst mit viel Gemüse, Olivenöl, Nüssen, Samen, Fisch, Avocado, hochwertigen Eiweißquellen und wenig verarbeiteten Produkten oder ob Keto hauptsächlich aus Bacon, Wurst, Käse, Butter, Sahne, kaum Gemüse und vielen Ersatzprodukten besteht.

Beides kann theoretisch ketogen sein. Aber es ist nicht gleich gesund.

Genau da liegt in der Realität häufig das Problem. Viele hören nur: Kohlenhydrate schlecht, Fett gut. Und plötzlich wird die Ernährung sehr tierproduktlastig, sehr fettlastig, ballaststoffarm und einseitig. Mit einer entzündungshemmenden Ernährung hat das aus meiner Sicht nicht mehr viel zu tun.

Eine antientzündliche Ernährung sollte nicht nur darauf schauen, wie wenige Kohlenhydrate du isst. Sie sollte auch berücksichtigen, welche Lebensmittel regelmäßig auf deinem Teller landen, wie gut du mit Nährstoffen versorgt bist, wie stabil dein Blutzucker ist und ob deine Ernährung langfristig zu deinem Alltag passt.

Kohlenhydrate sind nicht schuld an allem

Ein weiterer Mythos, mit dem ich aufräumen möchte: Kohlenhydrate sind nicht schuld an allem.

Ja, Zucker, Süßigkeiten, Weißmehlprodukte, süße Getränke, ständiges Snacken und stark verarbeitete Lebensmittel können problematisch sein. Vor allem dann, wenn sie deinen Blutzucker ständig hoch und runter schicken, Heißhunger fördern und du dadurch immer wieder in einen Kalorienüberschuss kommst.

Aber das ist etwas völlig anderes als Kartoffeln, Hülsenfrüchte, Beeren, Gemüse, Haferflocken oder Vollkornprodukte.

Nicht jede Kohlenhydratquelle wirkt gleich auf deinen Körper. Ein Croissant mit Marmelade ist etwas anderes als eine Mahlzeit mit Linsen, Gemüse und hochwertigem Fett. Ein Schokoriegel ist etwas anderes als Beeren mit Naturjoghurt. Eine Tiefkühlpizza ist etwas anderes als Kartoffeln mit Gemüse und einer guten Eiweißquelle.

Das Problem sind oft nicht die “bösen” Kohlenhydrate. Das Problem ist häufig die Kombination aus stark verarbeiteten Lebensmitteln, wenig Eiweiß, wenig Ballaststoffen, viel Zucker, ungünstigen Fetten, Stress, Schlafmangel, emotionalem Essen und fehlender Struktur.

Deshalb halte ich es für wenig hilfreich, Kohlenhydrate pauschal zu verteufeln. Viel wichtiger ist die Frage: Welche Kohlenhydrate tun dir gut, machen dich satt und passen zu deinem Alltag? Und welche bringen dich immer wieder aus dem Gleichgewicht?

Warum ich bei Keto langfristig vorsichtig bin

Ich möchte, dass du dir eine ehrliche Frage stellst: Kannst du dir vorstellen, diese Ernährung in deinem echten Leben langfristig umzusetzen?

Nicht für zehn Tage. Nicht für vier Wochen. Nicht bis zum nächsten Urlaub. Sondern wirklich im Alltag. Mit Familie, Einladungen, Geburtstagen, Stress, hormonellen Schwankungen, müden Tagen und Momenten, in denen du einfach mal ein Brötchen essen möchtest.

Wenn dich allein der Gedanke daran nervös macht, ist das ein wichtiger Hinweis.

Eine Ernährung, die dich dauerhaft stresst, ist aus meiner Sicht nicht die Lösung. Vor allem nicht bei Lipödem, wo Stress, Schmerzen, Selbstwert, Körpergefühl und emotionales Essen ohnehin oft eine große Rolle spielen.

Ich arbeite mit Frauen nicht nach dem Motto: „Hier ist der perfekte Plan, zieh den jetzt durch.“ Stattdessen geht es darum, gemeinsam zu schauen: Was passt zu dir? Was ist medizinisch sinnvoll? Was ist alltagstauglich? Was hilft dir beim Abnehmen, ohne dass du wieder in Druck, Verzicht und Schuldgefühle rutschst?

Welche Ernährung ich bei Lipödem langfristig sinnvoller finde

Für viele Frauen mit Lipödem halte ich langfristig einen anderen Weg für sinnvoller: eine entzündungshemmende, pflanzenbetonte, eiweißreiche und blutzuckerstabile Ernährung.

Das kann auch mal weniger Kohlenhydrate bedeuten. Aber es muss nicht zwangsläufig Keto sein.

Sinnvoll kann zum Beispiel sein:

  • mehr Gemüse in den Alltag zu integrieren
  • auf ausreichend Eiweiß zu achten
  • mehr Ballaststoffe zu essen
  • hochwertige Fette zu nutzen
  • Zucker und Weißmehlprodukte zu reduzieren
  • Wurst und stark verarbeitete Produkte seltener zu essen
  • ständiges Snacken zu hinterfragen
  • Mahlzeiten so zusammenzustellen, dass sie wirklich satt machen

Aber eben ohne komplette Verbote.

Also nicht: „Nie wieder Brot.“ Sondern eher: Welches Brot? Welche Menge? Welche Kombination? Macht es dich satt? Triggert es dich? Wie reagiert dein Blutzucker? Passt es in deinen Alltag?

Das ist für mich der entscheidende Unterschied. Nicht radikal, sondern vielmehr bewusst.
Nicht: Kohlenhydrate sind verboten.
Sondern: Welche Kohlenhydrate tun dir gut und welche bringen dich immer wieder aus dem Gleichgewicht?

Wann Keto trotzdem sinnvoll sein kann

Ich möchte fair bleiben: Es gibt Situationen, in denen Keto oder eine sehr kohlenhydratarme Ernährung zeitweise sinnvoll sein kann.

Zum Beispiel bei Frauen, die eine Insulinresistenz haben, mit extremen Blutzuckerschwankungen kämpfen oder bei denen eine gut begleitete Low-Carb-Phase Schmerzen und Wassereinlagerungen deutlich reduziert.

Aber dann bitte nicht auf eigene Faust. Nicht als Crash-Diät. Nicht als Social-Media-Challenge. Und nicht aus dem Gefühl heraus, dass du sonst wieder alles falsch machst.

Wenn du eine ketogene Ernährung ausprobieren möchtest, sollte das gut begleitet werden, vor allem, wenn du zusätzliche Erkrankungen hast, Medikamente einnimmst oder bereits eine belastete Diätgeschichte mitbringst.

Fazit: Ketogene Ernährung bei Lipödem ist nicht automatisch der beste Weg

Ketogene Ernährung bei Lipödem kann kurzfristig helfen. Sie kann bei manchen Frauen Schmerzen, Wassereinlagerungen, Blutzuckerschwankungen oder Heißhunger verbessern. Aber sie ist nicht automatisch antientzündlich, nicht automatisch alltagstauglich und nicht automatisch die beste Lösung für jede Frau mit Lipödem.

Gerade wenn Keto bei dir Druck, Stress, Heißhunger, Verbote oder ein schlechtes Gewissen auslöst, darfst du diesen Weg hinterfragen.

Du musst nicht perfekt essen. Du musst nicht jede Kohlenhydratquelle aus deinem Leben streichen. Und du musst auch nicht die nächste strenge Ernährungsform durchziehen, nur weil sie gerade empfohlen wird.

Viel wichtiger ist, dass deine Ernährung zu dir passt: zu deinem Alltag, deinen Beschwerden, deinen Zielen und deiner Lebensrealität.

Wenn du dir einen nachhaltigen, realistischen und alltagstauglichen Weg mit Lipödem wünschst, dann lohnt es sich, nicht nur auf Regeln und Verbote zu schauen, sondern auf das, was du langfristig wirklich umsetzen kannst. Genau dort beginnt echte Veränderung.



Bewirb dich auf ein kostenloses Erstgespräch unter: https://schwarztina.de/termin

Wer mehr über mich erfahren will, darf mich auch gerne auf Facebook / Instagram besuchen:
https://www.facebook.com/Tissi.Schwarz

Instagram: tina_schwarz.lipoedem_talk

Zu meiner Facebookgruppe „Lipödem – Die Kampfansage“
http://lipoedem-die-kampfansage.de

Nach oben scrollen