Warum ich skeptisch bin
Am 17. Juli 2025 wurde eine Entscheidung getroffen, auf die viele Frauen mit Lipödem jahrelang gehofft haben:
Ab Oktober 2025 wird die Liposuktion in allen Stadien offiziell von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.
Das klingt zunächst nach einem längst überfälligen Durchbruch, denn endlich wird diese Erkrankung ernst genommen und betroffene Frauen erhalten Zugang zu einer der wenigen effektiven Behandlungsformen.
Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Die Euphorie ist verfrüht, denn nicht alle sind glücklich über die aktuellen Maßnahmen!
Was wurde beschlossen?
Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat die Liposuktion beim Lipödem dauerhaft als Kassenleistung aufgenommen. Die Grundlage dafür ist u.a. die LIPLEG-Studie, die wissenschaftlich belegt hat, dass eine Liposuktion:
- Schmerzen reduziert
- die Beweglichkeit verbessert
- und die Lebensqualität deutlich steigert – auch in frühen Stadien
Die neue Regelung soll für alle Stadien (I–III) gelten und nicht mehr zeitlich begrenzt sein, wie es bisher im Rahmen eines Erprobungsverfahrens der Fall war.
Klingt gut, aber es gibt Haken
Auch wenn das nach einem Fortschritt klingt, ist Vorsicht geboten. Denn mit der Entscheidung gehen eine Reihe von Bedingungen und Einschränkungen einher, die die tatsächliche Umsetzbarkeit stark einschränken können:
1. Hohe Zugangshürden
Die Liposuktion wird nur dann übernommen, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Dazu gehören:
- Eine gesicherte Diagnose durch bestimmte Fachärzt:innen
- Nachweis einer mindestens sechsmonatigen konservativen Therapie, inklusive Kompression, Bewegung, Lymphdrainage und Ernährung
- Dokumentierte, stabile Gewichtslage
- Die Zustimmung von zwei unabhängigen Fachärzt:innen zur Notwendigkeit der OP
Diese Anforderungen klingen theoretisch nachvollziehbar, sind in der Praxis aber oft schwer umzusetzen, vor allem für Frauen in ländlichen Regionen oder ohne gutes medizinisches Netzwerk.
2. Ausschluss bereits operierter Frauen
Ein Punkt, der für besonders viel Frust sorgt:
Frauen, die bereits operiert wurden, haben keinen Anspruch mehr auf weitere Liposuktionen über die gesetzliche Krankenkasse.
Das gilt selbst dann, wenn frühere OPs unvollständig waren oder das Lipödem wieder aufgeblüht ist, was bei dieser chronischen Erkrankung nicht ungewöhnlich ist.
Hier wird eine künstliche Grenze gezogen, die viele Betroffene benachteiligt.
3. Stark eingeschränkte Kriterien durch BMI-Grenzen
Ein weiterer kritischer Punkt ist der BMI als Ausschlusskriterium. Aktuell soll ein BMI von über 35 die Kostenübernahme verhindern, in einigen Fällen wird zusätzlich das Taille-Größe-Verhältnis herangezogen.
Das führt dazu, dass viele Frauen, obwohl sie massive Einschränkungen durch das Lipödem haben, keine faire Chance auf die OP bekommen.
Unter anderem die Lipödem Gesellschaft e.V. äußert hierzu deutliche Kritik und stellt klar, dass der BMI kein geeignetes Maß ist, um über die Notwendigkeit eines operativen Eingriffs zu entscheiden.
Diese Einschätzung teile ich zu 100 %. Denn Lipödem und Übergewicht sind oft eng miteinander verbunden, nicht selten ist das Lipödem selbst eine Ursache für Gewichtszunahme. Ich finde, man kann das einfach nicht pauschalisieren!
Warum ich diese Entscheidung kritisch sehe
Als selbst bereits operierte Betroffene und durch meine Arbeit mit vielen Frauen in ähnlichen Situationen weiß ich: Die Hoffnung auf eine OP kann schnell in Druck, Selbstzweifel und Frust umschlagen.
Viele beginnen erneut mit Crash-Diäten und fühlen sich regelrecht gezwungen, in kürzester Zeit alle Voraussetzungen zu erfüllen, aus Angst, sonst „leer auszugehen“. Doch genau dieser Druck ist gefährlich. Denn er öffnet Tür und Tor für gesundheitlich riskante Verhaltensweisen, insbesondere in Bezug auf Ernährung und Psyche. Ich werfe hier mal das Wort “Essstörung” in den Raum, weil sehr viele Frauen zumindest an einem ungesunden Essverhalten leiden und das dadurch nur noch mehr getriggert werden könnte!
Was mir ebenfalls Sorgen macht: Die Aufklärung rund um die OP und ihre tatsächlichen Folgen bleibt oft oberflächlich. Es wird nicht genug darüber gesprochen, dass eine Liposuktion keine Garantie für Beschwerdefreiheit ist und dass sie nur dann langfristig hilft, wenn auch Bewegung, Ernährung und ggf. Kompression dauerhaft beibehalten werden.
Die OP ist keine Abkürzung
Ich will ganz ehrlich sein:
Die Liposuktion kann ein Wendepunkt sein, aber es gibt keine Garantie und nach wie vor ist es keine Heilung.
Ich sehe viele Frauen, die nach der Liposuktion enttäuscht sind, weil sich ihr Zustand nicht wie erhofft verbessert. Andere lassen nach dem Eingriff wichtige Gewohnheiten wieder schleifen und erleben einen Rückschritt.
Darum ist es so wichtig, vor der OP eine stabile Grundlage zu schaffen, sowohl körperlich als auch emotional und mental. Und sich klarzumachen: Diese Entscheidung verändert nicht alles über Nacht.
Mein Fazit
Die Entscheidung des G-BA zur Liposuktion beim Lipödem ist ein Schritt nach vorn, das steht außer Frage. Aber es ist ein Schritt mit vielen Stolpersteinen.
- Der Zugang ist schwierig.
- Die Kriterien sind teils fragwürdig (noch, da sich in den nächsten Wochen sicher noch einiges ändern wird).
- Und die langfristigen Erfolge hängen stark von den Betroffenen selbst ab.
Deshalb wünsche ich mir, dass diese Entscheidung nicht als schnelle Lösung gefeiert wird, sondern als Chance verstanden wird, die mit Verantwortung, guter Aufklärung und gesundem Realismus genutzt werden sollte.
Wenn du noch mehr darüber wissen möchtest, was aktuell gilt, findest du Informationen unter anderem hier: www.lipoedem-gesellschaft.de
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„Liposuktion bei Lipödem wird Kassenleistung – Warum ich skeptisch bin“
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