„Carbonara-Körper“ – Schon wieder ein neues Schönheitsideal?

Als ich den Begriff „Carbonara-Körper“ zum ersten Mal gelesen habe, war mein erster Gedanke: Nicht schon wieder. Schon wieder ein neuer Name für einen Frauenkörper, schon wieder ein neuer Trend und schon wieder eine neue Kategorie, in die wir möglichst gut hineinpassen sollen. Genau das hat in mir sofort Widerstand ausgelöst, denn hinter solchen Begriffen steckt oft viel mehr als ein kurzer Hype in den sozialen Medien. Sie vermitteln uns erneut das Gefühl, dass ein Frauenkörper offenbar nie einfach nur existieren darf, sondern ständig beschrieben, bewertet und eingeordnet werden muss.

Für manche Menschen mag „Carbonara-Körper“ wie ein lustiger oder harmloser Ausdruck klingen. Für viele Frauen ist er jedoch ein weiterer Begriff in einer langen Reihe von Bezeichnungen, die ihnen vermitteln, wie ihr Körper aussehen sollte und ob er gerade dem aktuellen Ideal entspricht. Solche Worte können Erinnerungen wachrufen, die längst vergessen geglaubt waren. Sie erinnern an verletzende Kommentare, an Vergleiche mit anderen Frauen, an Diäten, an Scham und an das Gefühl, mit dem eigenen Körper stimme etwas nicht.

Mein Kampf mit meinem Körper begann lange vor dem Lipödem

Auch bei mir hat dieser Begriff mehr ausgelöst, als ich zunächst erwartet hätte. Mein Kampf mit meinem Körper begann nicht erst mit der Diagnose Lipödem. Er begann viele Jahre früher, mit Diäten, mit gut gemeinten oder verletzenden Kommentaren und mit der immer wiederkehrenden Überzeugung, ich müsste mich nur noch etwas mehr anstrengen. Ich dachte, ich müsste disziplinierter sein, weniger essen, mehr Sport treiben und endlich den Körper erreichen, den andere offenbar von mir erwarteten.

Über viele Jahre glaubte ich, mein Körper sei das eigentliche Problem. Ich hatte das Gefühl, mich verändern zu müssen, um akzeptiert zu werden, und ich machte meinen Wert viel zu oft davon abhängig, wie ich aussah oder welche Zahl auf der Waage stand. Heute weiß ich, dass es nie nur um Ernährung, Bewegung oder Disziplin ging. Es ging vor allem um das tiefe Gefühl, nicht zu genügen und nie ganz richtig zu sein.

Genau deshalb trifft mich ein Begriff wie „Carbonara-Körper“ nicht nur oberflächlich. Er erinnert mich daran, wie schnell Frauenkörper zu Trends werden und wie selbstverständlich darüber gesprochen wird, ob wir gerade „in“ oder „out“ sind. Dahinter steht eine Botschaft, die viele von uns schon sehr früh lernen: So, wie du bist, reicht es noch nicht.

Lipödem betrifft weit mehr als das äußere Erscheinungsbild

Frauen mit Lipödem erleben diesen Druck häufig besonders intensiv. Sie kämpfen nicht nur mit Schmerzen, Schwellungen oder einer ungleichen Fettverteilung, sondern oft auch mit Vorurteilen und mangelndem Verständnis. Viele müssen sich immer wieder erklären und hören Sätze, die suggerieren, sie seien selbst schuld an ihrem Körper. Nicht selten wird ihnen vermittelt, sie müssten einfach weniger essen, mehr Sport treiben oder disziplinierter sein.

Solche Aussagen hinterlassen Spuren. Sie können dazu führen, dass Frauen den Kontakt zu ihrem eigenen Körper verlieren, ständig gegen ihn arbeiten oder sich für ihn schämen. Wenn dann ein neuer Begriff auftaucht, der Frauenkörper erneut bewertet oder kategorisiert, trifft das häufig genau diese empfindliche Stelle. Nicht, weil ein einzelnes Wort alles verändert, sondern weil es Teil eines Musters ist, das viele Frauen schon ihr ganzes Leben begleitet.

Immer wieder gibt es neue Ideale, neue Trends und neue Erwartungen. Kaum haben wir uns an eine bestimmte Körperform gewöhnt, wird bereits die nächste zum Maßstab erklärt. Dadurch entsteht der Eindruck, wir müssten uns ständig anpassen, um dazuzugehören. Für Frauen mit Lipödem ist das besonders belastend, weil ihr Körper sich oft nicht in diese wechselnden Vorstellungen einfügt und weil viele von ihnen ohnehin schon jahrelang gegen das Gefühl kämpfen, falsch zu sein.

Was solche Begriffe mit unserem Körperbild machen

Sprache prägt unsere Wahrnehmung. Wenn Frauenkörper immer wieder neue Namen bekommen, bleibt das nicht ohne Wirkung. Begriffe schaffen Bilder, und diese Bilder beeinflussen, wie wir uns selbst betrachten. Vielleicht beginnen wir, unseren Körper erneut zu analysieren, nach vermeintlichen Fehlern zu suchen oder uns mit anderen zu vergleichen. Vielleicht tauchen alte Gedanken wieder auf, von denen wir glaubten, sie längst überwunden zu haben.

Gerade deshalb sollten wir uns fragen, warum Frauenkörper überhaupt ständig benannt werden müssen. Warum reicht es nicht, dass Körper unterschiedlich sind? Warum brauchen wir immer neue Kategorien, in die wir Frauen einordnen? Und warum wird aus natürlicher Vielfalt so oft ein Trend, ein Ideal oder eine Abweichung gemacht?

Ein Frauenkörper ist kein Modestück, das jede Saison anders aussehen muss. Er ist kein Projekt, das ständig optimiert werden sollte, und er ist auch kein Begriff, der für Aufmerksamkeit in sozialen Medien sorgen soll. Hinter jedem Körper steht ein Mensch mit Erfahrungen, Erinnerungen, Verletzungen und einer ganz eigenen Geschichte.

Veränderung und Selbstakzeptanz schließen sich nicht aus

Lange Zeit dachte ich, ich müsste meinen Körper entweder bedingungslos akzeptieren oder ihn verändern. Heute weiß ich, dass beides nebeneinander existieren darf. Wir dürfen gesundheitliche Ziele verfolgen, Gewicht verlieren wollen, stärker werden oder unseren Alltag aktiver gestalten. Entscheidend ist jedoch, aus welchem Gefühl heraus wir das tun.

Wenn Veränderung aus Selbstablehnung entsteht, wird sie häufig zu einem Kampf gegen den eigenen Körper. Wenn sie hingegen aus Fürsorge entsteht, kann sie zu einem Weg werden, auf dem wir besser für uns sorgen. Gerade bei Lipödem ist diese Unterscheidung wichtig. Es geht nicht darum, den Körper schönzureden oder Beschwerden zu ignorieren. Es geht darum, sich selbst nicht länger als Gegnerin zu behandeln.

Abnehmen, Ernährung, Bewegung und Körperakzeptanz sind deshalb weit mehr als Fragen von Wissen und Disziplin. Sie hängen mit Erfahrungen, Glaubenssätzen und emotionalen Mustern zusammen, die uns oft schon seit vielen Jahren begleiten. Wer immer wieder in alte Verhaltensweisen zurückfällt, ist nicht schwach oder undiszipliniert. Häufig steckt dahinter eine lange Geschichte, die gesehen und verstanden werden möchte.

Warum wir keine (neuen) Schubladen brauchen

Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis, die ich aus diesem Thema mitnehme: Wir brauchen keine weiteren Namen für Frauenkörper. Wir brauchen weniger Bewertungen und mehr Verständnis. Wir brauchen weniger Schubladen und mehr Raum für Individualität. Vor allem aber brauchen wir die Freiheit, unseren Körper nicht ständig danach beurteilen zu müssen, ob er gerade einem Trend entspricht.

Der Begriff „Carbonara-Körper“ ist deshalb für mich mehr als nur ein viraler Ausdruck. Er steht stellvertretend für die ständige Benennung und Bewertung von Frauenkörpern. Er erinnert daran, wie schnell wir wieder das Gefühl bekommen können, nicht richtig zu sein, und wie viel Druck solche vermeintlich harmlosen Begriffe auslösen können.

Mein Körper ist kein Trend, und deiner ist es auch nicht. Dein Wert verändert sich nicht mit neuen Schönheitsidealen, und du musst dich nicht in eine Kategorie einordnen lassen, um akzeptiert zu werden. Du darfst Ziele haben, du darfst Veränderungen anstreben und du darfst gleichzeitig lernen, dir selbst mit mehr Mitgefühl zu begegnen.

Was löst der Begriff „Carbonara-Körper“ bei dir aus?

Hast du den Begriff schon einmal gehört, und wie ging es dir damit? Findest du solche Bezeichnungen harmlos oder witzig, oder empfindest du sie ebenfalls als weitere Bewertung von Frauenkörpern?

Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir aufhören, immer neue Namen für Frauenkörper zu erfinden. Vielleicht sollten wir stattdessen damit beginnen, Frauen in ihrer Unterschiedlichkeit zu sehen und anzuerkennen, dass kein Körper einem Trend entsprechen muss, um richtig zu sein.

Wenn du mehr erfahren willst, vor allem auch meine Gedanken und meine Geschichte dazu, dann schau doch einfach in die Folge rein: 

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